Helmut Welger
Setzung,
Konkretisierung und Gewichtung plansprachlicher Gütekriterien bei Zamenhof
Instrumentelle Qualität/Güte =
Zweckmäßigkeit
Schon
der Ausdruck „Plansprache“ weist unverkennbar auf die angestrebte strukturelle
Zweckgerechtigkeit der Sprache hin. Wozu plant man denn wohl, wenn nicht zu einem
bestimmten Zweck? Eine „zweckfreie Planung“ wäre eine contradictio in adjecto.
Die Plansprache ist auch und vor allem eine Zwecksprache. Eine Art sprachlicher Zweckbau, ein Werkzeug. Der
Ausdruck „Plansprache“ geht indirekt schon auf Zamenhof selbst zurück; in
seinem Essay „Esenco kaj estonteco de la Ideo de Lingvo Internacia“
charakterisiert er z.B. den Unterschied „natürlicher“ und „künstlicher“
Sprachen dadurch, dass beim Bau der ersteren „nenia difinita plano, simple nur
la uzo“ wirksam sei (Zamenhof 1929). Es ist kein Geheimnis, welches philanthropische Ziel der
Sprachplaner verfolgte, der sich „D-ro Esperanto“ nannte: die Schaffung einer internacia lingvo, d.h. einer leicht
begehbaren sprachlichen Brücke zwischen Verschiedensprachigen.
Ziel
und Zweck bestimmen, welche Eigenschaften in welcher Gewichtung ein
zweckgerechter Gegenstand haben muss. Der Zweck kann daher als oberstes Gütekriterium,
als eine Quasi-Norm betrachtet werden, aus der das Soll-Eigenschaftsprofil
abgeleitet wird. „Qualität“ ist insoweit nichts anderes als die instrumentelle
Güte. Die Gütekriterien sind also zweckrelativ;
sie sind Erfordernisse der
Zweckerreichung. Solange der Zweck nicht
klar ist, sind fundierte Aussagen über die Qualität (im Sinne der
Brauchbarkeit) nicht möglich. Es handelt
sich dann allenfalls um den Ausdruck unreflektierter Vorannahmen und
Denkgewohnheiten, um beliebigen subjektiven Geschmack. Die Kehrseite der
Qualität ist der Mangel, d.h. das
Fehlen oder die unzureichende Erfüllung von Erfordernissen. Auch Mängel sind
also zweckrelativ.
Ein
unverfängliches Beispiel für die Zweckrelativität der Gütekriterien: Was ist
eine „gute“ Schere? Um das beantworten zu können, muss man zunächst einmal
wissen, was man damit schneiden will. Trotz einiger Gemeinsamkeiten
verschiedener Typen von Scheren - eine Drahtschere muss andere Eigenschaften
aufweisen als eine Papierschere oder eine Hautschere. Eine gute Drahtschere
kann eine schlechte Hautschere sein, und umgekehrt.
Von
der Zweckbestimmung der Sache wohl zu unterscheiden sind die subjektiven
Zwecke, die Motive des Benutzers, die sich von dem in der Sache und ihrem Bauplan
objektivierten Zweck durchaus unterscheiden können. Wer die Sache nicht
bestimmungs- und widmungsgemäß, sondern zweckentfremdet benutzt, mag mit der
Sache persönlich unzufrieden sein; aber er kann gegenüber dem Hersteller keine
Qualitätsmängel reklamieren.
Ziele bzw. Zwecke sind keine physikalischen oder chemischen
Objekte oder Eigenschaften, sondern Gegenstände im Raum des menschlichen
Handelns, der sozialen Interaktion und Kooperation - d.h. im Aktionsfeld. In diesem Feld können sich
- so könnte man metaphorisch sagen - gewöhnliche physikalische Fakten mit
Funktionalität gleichsam aufladen. Durch diese Aufladung können sie z.B. zu Mitteln, zu mehr oder weniger
zweckmäßigen Instrumenten werden. Zwecke werden erschaffen durch Setzung, d.h. durch - stillschweigende
oder ausdrückliche - menschliche Entscheidungsakte. Chemische und physikalische
- und wohl auch linguistische - Analyse-Instrumente sprechen auf Zwecke nicht
an, sie sind blind dafür.
Das
alles gilt auch für Plansprachen. Plansprachen zeichnen sich dadurch aus, dass
sie im Hinblick auf ganz bestimmte Planziele (Zwecke) hin konstruiert werden.
Die Zwecksetzung ist nicht Sache der Linguistik, sondern Sache der Sprachbenutzer
bzw. -planer. Die Sprachgüte ist nichts anderes als der Grad der Brauchbarkeit
für die vom Sprachplaner gesetzten Zwecke.
Zum ganzen Gebiet der
Zweckrationalität und zur formalen Teleologie vgl. Weinberger und Weinberger
(1979).
Die Konkretisierung von Unterzwecken
und -zielen
Um
einen gesetzten Grundzweck in einen konkreten Plan umsetzen zu können, muss man
ihn über Unterzwecke und Unterziele bis hin zu den konkreten Einzelheiten der
Realisierung umsetzen. Bei dieser Umsetzung handelt es sich in der Regel nicht
um einfache logische Ableitungen (Deduktionen), sondern um Konkretisierungen.
Eine Konkretisierung besteht aus der Kombination
einer logischen Ableitung mit untergeordneten Setzungen.
Die
logische Ableitung als erstes Teilelement der Konkretisierung hat die Gestalt
eines „normativen Syllogismus“ (s. auch Schaubild). In ihn gehen je eine
faktische und eine normative Prämisse ein:
1)
der gesetzte Grundzweck als Quasi-Norm,
2)
faktische Gegebenheiten des Handlungsfeldes.
Die
Konklusion ergibt in der Regel nur einen mehr oder weniger weiten
(Such-/Handlungs‑/Konstruktions‑)Rahmen, einen Ermessens- und
Gestaltungsspielraum, der zur praktischen Umsetzung noch mit den notwendigen
Details ausgefüllt werden muss. Der normativen Prämisse wird oft nicht genug
Aufmerksamkeit gewidmet, weil sie „selbstverständlich“ zu sein scheint, d.h.
unreflektiertem Vorverständnis entspricht. Hier ist die Quelle vieler endloser
Debatten, die sich nur scheinbar um Fakten, in Wahrheit aber um unerkannte
Differenzen bezüglich der Normen (z.B. der Zielsetzungen) drehen.
Da
die erforderlichen Details zur Ausfüllung von Ermessensspielräumen gerade nicht aus dem Grundzweck ableitbar
sind, sind hier erneute Entscheidungsakte (nicht vollständig aus dem Grundzweck
ableitbare Unterzwecksetzungen) erforderlich. Diese Entscheidungsakte
(Setzungen, Ermessensentscheidungen) bilden das zweite Teilelement der
Konkretisierung.
Bis man auf der Ebene konkreter Einzelheiten (z.B.
Wörtern und Regeln einer Plansprache) anlangt, muss der Prozess der Konkretisierung
evtl. sogar mehrfach wiederholt werden, d.h. er verläuft mehrstufig, wobei auf
jeder Stufe erneute Dezisionen erforderlich werden. Obendrein kann es
zwischen den Unterzwecken und ‑zielen zu Zielkonflikten kommen, obwohl sie den selben Grundzweck
konkretisieren. Auf der Ebene plansprachlicher Details können die
Zielkonflikte sinnvolle Ausnahmeregeln erforderlich
machen (Reichweiten-Einschränkung, praktische Konkordanz).
Das
Vorhandensein der Ermessens- und Gestaltungsspielräume bringt es auch mit sich,
dass es eine Vielzahl von unterschiedlichen, aber im Hinblick auf den Grundzweck
annähernd gleichwertigen Realisierungsmöglichkeiten gibt. M.a.W., die
Schaffung einer konkreten Plansprache ist auch bei gegebenem Grundzweck nicht
in einem vollständig rationalen Verfahren möglich; vielmehr ist ein gewisses
Maß an freier Willkürlichkeit und Beliebigkeit unvermeidbar. Es kann deshalb
theoretisch beliebig viele „gleich gute“ Plansprachen geben.
Häufig
werden Konkretisierung und logische Ableitung miteinander verwechselt, und zwar
weil die für die Konkretisierung allgemeiner Prinzipien erforderlichen
Dezisionen je nach Vorverständnis unreflektiert schon in die Prinzipien selbst
hineinprojiziert werden. Darauf beruht der Aberglaube, die Logik erlaube,
jedes Detail der Plansprache eindeutig festzulegen.
Schaubild: Normativer Syllogismus

Das Schaubild stellt einen normativen Syllogismus dar;
mit „F“ sind Fakten, mit „N!“ Normsätze gekennzeichnet. Die Wolke, in der die
normative Prämisse sich befindet, deutet an, dass normative Prämissen häufig
unbemerkt bzw. unreflektiert und verdeckt bleiben.
Anmerkungen:
1. Aus bloßen Fakten folgt keine Regel (Humesches
Gesetz).
2. Wenn die Konklusion ein Normsatz sein soll, muss
mindestens eine der Prämissen selbst ein Normsatz sein.
3. Die normative Prämisse wird oft übersehen.
Beispiel: „Rauchen ist ungesund - also soll
man nicht rauchen.“ Das ist ein unvollständiger Schluss. Es fehlt hier ein
Normsatz, der z.B. lauten könnte: „Man soll nichts Ungesundes tun.“
4. Eine Konklusion ist oft nur eine Rahmennorm, die
der Ausfüllung bedarf, d.h. sie verlangt eine freie Ermessensausübung.
5. Sprachplanung steht mit der normativen Seite
außerhalb, mit der deskriptiven Seite innerhalb der Linguistik.
6. Viele Streitfragen sind unlösbar, solange die
normativen Prämissen verdeckt sind (unreflektiertes Vorverständnis), was
häufig der Fall ist.
Die "Analiza Skolo" ist in vieler Hinsicht ein
Beispiel für die mangelnde Unterscheidung zwischen Konkretisierung, die der
Ausfüllung und Ergänzung durch freies Ermessen nicht entbehren kann, und
logischer Deduktion, in der die Prämissen den Inhalt der Konklusion zwingend
vorgeben. Schulz (1985), der spiritus rector der „Analiza Skolo“, meint, dass
die „Kvinlingva Gramatiko vere permesas per apliko de la logiko determini la
tutan lingvon ghis la plej lastaj detaloj“. Schulz ist kein Logiker, sondern
ein kultivierter Romanist, und von diesem Vorverständnis sind seine
Vorstellungen über die Grammatik des Esperanto geprägt. Das Wort „Logik“ ist
bei ihm oft nur eine Chiffre dieses Vorverständnisses. Vor allem aber
betrachtet Schulz Ausnahme-Regeln per se als zu eliminierende „logische
Widersprüche“ im Regelsystem - was normwissenschaftlich irrig ist. In Maßen
sind Ausnahmeregeln im Bereich sozialer Regeln oft zweckmäßiger als völlige
Ausnahmefreiheit; hingegen ist es wegen der Zielkonflikte (s.o.) nicht
zweckmäßig, die „Widerspruchsfreiheits“-Anforderungen, die für ein mathematisches Axiomensystem gelten,
auf Sprachen - und seien es Plansprachen - zu übertragen.- Manchmal steht das
Wort „Logik“ bei Schulz auch für nur vordergründig plausible, jedoch wenig
reflektierte Zweckmäßigkeitserwägungen. Näheres zu alledem habe ich
andernorts ausgeführt (Welger 1994).
Demgegenüber stellt Frank (1985) - trotz seiner Sympathien
für den Axiomatismus der „Analiza Skolo“ - fest: „Es ist unmöglich, die
ILo-Grammatik aus den 16 Regeln ‚mit Hilfe der Logik aus ihren eigenen
Voraussetzungen zu vervollständigen‘, wenn nicht hier unter ‚Voraussetzungen‘
(‚premisoj‘) außer den 16 Regeln, als der ‚Urintuition‘ für ein Axiomensystem
der zamenhofschen Interlinguistik, auch die Theoreme aller jener der Logik
nachgeordneten Wissenschaften verstanden werden, von denen spezifische Begriffe
in den 16 Regeln auftauchen. Das sind zumindest Theoreme der Linguistik. Kategorien
der zamenhofschen Interlinguistik, die prinzipiell durch dessen Axiomensystem
implizit zu definieren sind, sind ‚la‘, ‚(Bedeutung der:) Endung o‘, ‚Endung
j‘ usf. - und natürlich ‚ILo‘ (im Originaltext: ‚internationale Sprache‘,
‚international language‘ usf.“ Hier wäre allerdings zu ergänzen, dass der Begriff
„internacia lingvo“ sich nicht im Linguistischen erschöpft, sondern auf
Zamenhofs philanthropische Zwecksetzung verweist, auf die philanthropische
Funktion („interna ideo“) des Esperanto, die sich in seiner Struktur
widerspiegelt.
Für
die Sprachplanung bedeutet dies alles u.a., dass es eine „ideale Sprache“ nicht
geben kann. Der Begriff der „idealen Sprache“ ist in zweifacher Hinsicht naiv.
Was „ideal“, d.h. von unüberbietbarer Qualität ist, hängt zum einen von den
Zwecken und Zielen (um nicht zu sagen: von den Idealen) des Sprachplaners ab;
zum anderen werden die bei der Konkretisierung auftretenden Zielkonflikte
wahrscheinlich verhindern, dass er das jeweilige selbstgesetzte Ideal erreicht;
insbesondere dann, wenn er die Sprache im Rahmen eines anspruchsvollen
Grundzweckes als ein „Vielzweckinstrument“ plant. Das Äußerste, was erreichbar
ist, ist eine Sprache, die dem durchschnittlichen Bedarfsprofil eines bestimmten
vom Sprachplaner angezielten Benutzerkreises (einer Zielgruppe im
marktstrategischen Sinne) möglichst genau entspricht.
Ferner
kann gesagt werden: Weil die normativen Prämissen aus logischen Gründen nicht
der Welt der sprachlichen Fakten entstammen können, sondern der Welt der Zwecke von Sprachbenutzern bzw.
-planern, steht die Sprachplanung mit ihrer normativen Seite außerhalb, und
nur mit ihrer deskriptiven Seite innerhalb der Linguistik. Sie ist ein
Zwitterwesen von Linguistik und - im Falle des Esperanto - philanthropischer
Politik.
Zamenhofs Plan einer Welt-Zweitsprache
Ich
möchte nun das gewichtete Anforderungsprofil an eine Plansprache mit der
Zamenhofschen Zwecksetzung „menschheitsverbrüdernde Zweitsprache für alle“ im
Detail telelogisch ableiten, wobei ich mich an die über Zamenhofs Werk verstreuten
Hinweise zur Konkretisierung halte. Es muss betont werden, dass die Gewichtung
im Grundsatz also nicht empirisch
ermittelt ist, sondern Ergebnis der bewussten, absichtlichen, politischen Ziel- und Prioritätensetzung durch den
Philanthropen Zamenhof! Wir wollen sehen, was dabei herauskommt.
Ein eigener umfangreicher Kriterienkatalog wurde
mustergültig klar und detailliert von Frank (1979) entwickelt. Ausgangspunkt
der Konkretisierung, d.h. Basiskriterium, ist bei Frank die politische Annehmbarkeit als europäische
(Zweit-)Sprache. Dies ist allerdings ein anderer, etwas engerer
Ansatzpunkt als derjenige Zamenhofs, der die Kriterien letztlich aus dem
Begriff, der „Idee“ der globalen
internationalen Sprache heraus entwickelte. Schon deshalb ergibt sich - trotz
mancher Übereinstimmungen - eine etwas abweichende Kriterienliste und ‑gewichtung.
Ein weiterer Grund für Abweichungen von Zamenhofs
Kriterienliste ist, dass Frank es für wünschenswert hält, die Grammatik als
vollständiges, ausnahmefreies Axiomensystem zu gestalten (Frank 1985). Im
Gegensatz zu Schulz ist ihm aber bewusst, dass diese Forderung nicht „logisch
zwingend“, sondern nur möglich ist. Dass Frank sie erhebt, dürfte auf seinem
Vorverständnis als Kybernetiker beruhen. Wie bereits gesagt, ist eine solche
Ausgestaltung des Regelsystems der Plansprache jedoch unzweckmäßig. Sie ist
auch keine logisch zwingende Ableitung aus Franks Basiskriterium, der
politischen Annehmbarkeit. Zamenhof sagte bündig: „Lingvo ne estas matematiko.“
Das Einzigkeitsprinzip
Damit
alle miteinander kommunizieren
können, soll es für alle eine einzige Zweitsprache
geben. Daraus folgt, dass die Sprache selbst vor allem einheitlich sein muss, denn sonst ist dieses „Einzigkeitsprinzip“
schon tangiert. Das bedeutet zum einen, dass
(1) nicht gleichzeitig mehrere
Varianten im Gebrauch sein dürfen, sondern nur eine (aktuala unueco),
zum
anderen, dass
(2) die Normen auch über die Zeit
hinweg gültig sein müssen (stabileco).
Prinzip
(2) ist gegenüber (1) nachrangig, weil eine gewisse Entwicklung der Sprache
stattfinden muss, jedoch möglichst nur so, dass der ursprüngliche Normenbestand
ergänzt, nicht geändert wird: Die künftigen Nutzer der Sprache sollen uns verstehen
können; auf die früheren brauchen wir natürlich keine Rücksicht zu nehmen. Das
Einzigkeitsprinzip mit seinen Unterprinzipien ist gegenüber allen anderen
Prinzipien logisch vorrangig, weil es den begriffsnotwendigen Kern der internationalen
Zweitsprache ausmacht. Anders ausgedrückt: wenn das Einzigkeitsprinzip
verletzt ist, handelt es sich streng genommen nicht mehr um eine Sprache. Das Einzigkeitsprinzip
fordert also einen strengen Sprach-Konservativismus und strikte Regeltreue. Das
Fundamento mit seinen unantastbaren Regeln ist der konkretisierte Ausdruck
dieser funktionellen Notwendigkeit.
Das Wichtigste war für Zamenhof nicht diese oder jene Einzelheit der
Sprache, sondern der Konsens der Plansprachenbewegung
- wohlgemerkt, ich sage „Plansprachenbewegung“ und nicht „Esperantobewegung“!
Deshalb betonte er ausdrücklich, die Einheit
sei praktisch „sehr viel wichtiger als jede vermeintliche oder auch wirkliche Perfektion der Sprache“ S. z.B. LR 142
A (Zamenhof 1962).
Zamenhof
wollte eine Sprache, die bestimmte aus der „interna ideo“, d.h. dem
(philanthropischen) Zweck, abzuleitende Mindestbedingungen
erfüllt, keine „perfekte Sprache“, die irgendwelche Maximalbedingungen (über die man sich ohnehin nie völlig einigen
kann) erfüllt. Wir werden darauf zurückkommen.
Das Prinzip der
Kommunikationstauglichkeit für Wissenschaft, Handel und allgemeinen Verkehr
Es
muss sich nicht nur um eine Sprache, sondern um eine Sprache
handeln. Sie muss für diejenigen Zwecke geeignet sein, die im Verkehr zwischen verschiedenen Völkern und
Sprachen von besonderer Bedeutung sind. Nach Zamenhofs Vorstellung, die ich
für durchaus realistisch halte, muss sie in erster Linie „eine internationale
Sprache für die Wissenschaft, den Handel und den allgemeinen Verkehr“ sein, s.
Unua Libro, S. 5 (Zamenhof 1887).
Die
dafür erforderlichen Eigenschaften sind vor allem:
• Klarheit,
• Genauigkeit,
• Reichtum des Wortschatzes,
• Geschmeidigkeit (Flexibilität).
Zamenhof zählt all diese Punkte ausdrücklich auf, und zwar im
Zusammenhang mit der Lernleichtigkeit: Er stellt sich nämlich die Aufgabe, die
Sprache leicht erlernbar zu machen, „ohne sie … der Klarheit, Genauigkeit und
Geschmeidigkeit zu berauben“, sowie „ohne … die Sprache … ihres Reichtums zu
berauben“. Vgl. Unua Libro, S. 10 (Zamenhof 1887).
Mit
dieser Formulierung räumt er diesen Eigenschaften der Sprache zugleich einen
gewissen Vorrang vor der Lernleichtigkeit ein, der mir durchaus sachgerecht zu
sein scheint. Wie ihre Rangfolge untereinander sein sollte, ist problematisch.
Gemessen am Zweck liegen sie wohl ziemlich dicht beieinander, ihre Rangplätze
könnten auch je nach Kontext wechseln. Der Verfasser neigt intuitiv der oben
gegebenen Reihenfolge zu, ohne sie jedoch für unbedingt zwingend zu halten.
Vielleicht wäre es angebracht, all diese Eigenschaften auf den selben
Rangplatz zu setzen.
Man
könnte sich fragen, ob die Kommunikationseigenschaften nicht auch Vorrang vor
dem Einzigkeitsprinzip haben müssten. Mir scheint, dass man diese Frage je nach
Entwicklungsstufe der Sprache bzw. einzelner ihrer Bereiche unterschiedlich
beantworten muss:
•
Solange und soweit die Sprache noch unfertig und nicht fixiert ist, kann das
Einzigkeitsprinzip noch keine Rolle spielen; insofern haben die Kommunikationseigenschaften
der Sprache Vorrang. Dies gilt nicht nur für die Erstentwicklung der Sprache,
sondern auch für die erforderliche Weiterentwicklung des Wortschatzes.
•
Soweit die Sprache bereits benutzungsfertig und von den Sprechern formell oder
stillschweigend fixiert ist, tritt das Einzigkeitsprinzip auf den ersten
Rangplatz; denn wenn es anders wäre, dann könnte von einer benutzungsfertigen
Sprache noch nicht in vollem Sinne die Rede sein, sondern man befände sich
insoweit noch im Planungsstadium oder fiele in dieses zurück.
Für
das, was Zamenhof „Stil“ nennt (d.h. das gesamte Regelwerk außer der Fundamenta
Gramatiko), dürfte gelten, dass das Einzigkeitsprinzip zurückgestuft werden kann, wenn
• die poetische Lizenz, vgl. z.B. LR
54 (Zamenhof 1962), oder
•
die rationale Lizenz, vgl. meine Studie „Mallonga enkonduko en la norman esperantologion“, Punkt 5.1.3.
(Welger 1994)
dies
erlaubt. Im Hinblick auf die Regeln der Fundamenta Gramatiko gelten diese
Lizenzen aber nicht.
Nach
der Zamenhofschen Gewichtung, die mir, wie gesagt, im Hinblick auf die
mutmaßlichen Schwerpunkte der internationalen Kommunikationsbedürfnisse
sachgerecht zu sein scheint, fallen die ästhetischen Eigenschaften nicht in
diese vor die Lernleichtigkeit etc. zu platzierende Kategorie, sondern sind
als Nebenaufgaben zu charakterisieren (s.u.).
Die drei Zamenhofschen Hauptaufgaben:
akzeptanzfördernde Eigenschaften
Im
Unua Libro legt Zamenhof drei „Hauptaufgaben“ fest, die seine Sprache erfüllen
müsse, vgl. Unua Libro, S. 8 (Zamenhof 1887).
Es
handelt sich um
I. die leichte Erlernbarkeit,
und
II. die sofortige praktische Nutzbarkeit auch ohne vorherige allgemeine
Durchsetzung.
III. Die dritte Hauptaufgabe wird von Zamenhof so formuliert: „Ein Mittel zu finden, die Gleichgültigkeit
der Welt zu überwinden, und dieselbe zu ermuntern, sofort und en masse von
dieser Sprache, als von einer lebenden Sprache, Gebrauch zu machen.“ Dies
bezieht sich nicht ausschließlich auf die Sprache als solche, sondern auf die
Politik der Durchsetzung. Dennoch ist diese Hauptaufgabe für uns von Bedeutung:
sie weist den im jeweiligen kulturellen Umfeld propagandistisch wirksamen Eigenschaften der Sprache ein höheres
Gewicht zu.
Zamenhof stellt fest: „Außer diesen drei Hauptaufgaben
gab es noch viele andere zu lösen, über die ich mich hier, da sie
unwesentlicher Natur sind, nicht umständlich auslassen werde.“ Vgl. Unua
Libro, S. 9 (Zamenhof 1887).
Auch darin liegt wieder eine klare
sprachpolitische Gewichtung. Alles, was für die genannten Hauptaufgaben unwesentlich
ist, wird geringer gewichtet. Wir könnten solche Aufgaben als Nebenaufgaben
bezeichnen. Zu ihnen gehören die übrigen wünschenswerten Eigenschaften der
Sprache wie Kürze, Klangschönheit, guter Eindruck auf außenstehende Beurteiler
- z.B. Linguisten (ausdrücklich erwähnt in „Esenco kaj Estonteco“, OV III N-ro
2; siehe Anhang I. [Zamenhof 1929]) - d.h. Gefälligkeit der Fassade, etc.
Es
ist leicht zu erkennen, dass alle drei Hauptaufgaben sich nicht linguistischen Überlegungen verdanken, sondern gleichsam
marktstrategischen; sie zielen nämlich auf die Herstellung eines attraktiven,
konkurrenzfähigen Produkts auf dem Markt der Welt-Zweitsprachen. Dieses Produkt
muss sowohl unter Kosten- wie Nutzen-Gesichtspunkten attraktiv sein. Das
Produkt muss nicht „ideal“ sein; es genügt, wenn das Kosten-Nutzen-Verhältnis
merklich günstiger ist als bei den „Konkurrenzprodukten“, den (nichtgeplanten)
internationalen Verkehrssprachen.
• Kosten: Die leichte Erlernbarkeit zielt darauf, den
„Kaufpreis“, d.h. den Aufwand aus der Sicht des einzelnen potentiellen
Benutzers zu minimieren.
• Nutzen: Die sofortige praktische Nutzbarkeit zielt darauf,
dem potentiellen Nutzer einen sofort (und nicht erst in einer ungewissen
Zukunft) aktualisierbaren Gebrauchswert zu bieten. (Es hat ökonomisch
keinen Sinn, ein noch so prachtvoll konstruiertes Telefon zu kaufen, wenn es
im Lande weder ein Telefonnetz noch andere Telefonteilnehmer gibt). Zamenhof musste
sein Augenmerk hier naturgemäß auf diejenigen Elemente des Gebrauchswertes
richten, die schon von Anfang an aktualisierbar waren, bevor eine Sprechergemeinschaft existierte. Er konkretisierte
dies zunächst so, dass ein „Schlüssel“, ein kleines Wörterbuch, das man einem
durchschnittlich gebildeten Menschen in die Hand drückt, dem die internationale
Sprache völlig fremd ist, ausreichen solle, um diesem die Sprache (auch grammatisch)
so zu erschließen, dass man sich ihm verständlich machen kann. Da heute bereits eine Sprechergemeinschaft
existiert, gehört alles, was diese dem potentiellen Benutzer bieten kann,
inzwischen mit in die Rubrik Nutzen/Gebrauchswert. Das ist nicht nur die
Größe der Sprechergemeinschaft, sondern auch der Umfang der Literatur und die
mit der Sprache verbundene Kultur im weitesten Sinne. Es ist eine bleibende
Aufgabe, den Nutzen zu maximieren.
Da vor allem das anfängliche Nichtvorhandensein einer
Sprechergemeinschaft sich ungünstig auf das Kosten-Nutzen-Verhältnis und damit
auf die „Kaufbereitschaft“ auswirkt, sann Zamenhof auf ein Mittel, diesen
Mangel auszugleichen. Er glaubte dieses „Mittel zur Überwindung der
Gleichgültigkeit“ in einer bedingten „Kaufoption“ gefunden zu haben: Jeder,
der die von ihm vorgeschlagene Sprache gutheißt, wird aufgefordert, ein
Versprechen abzugeben, die Sprache dann und in dem Falle zu lernen, dass
mindestens 10 Millionen andere Personen diese Bereitschaft ebenfalls bekundet
haben. Im Erfolgsfall sollte dann ein Adressbuch aller Personen erscheinen,
die diese Bereitschaft bekundet hatten.
Vgl. Unua Libro,
S. 28 (Zamenhof 1887).
Offensichtlich
zielte diese Idee auf die Verbesserung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses von der
Nutzen-Seite her; d.h. es sollte ein gesicherter Nutzen in Form einer
Sprechergemeinschaft von 10 Millionen Personen geboten werden. Und wenn sich
erst einmal 10 Millionen Menschen an dieses Kommunikationsnetz angeschlossen
haben, dann, so das Kalkül, ist eine kritische Masse erreicht, die zu einer
sozialpsychologischen bzw. marktpsychologischen Kettenreaktion zugunsten
des Esperanto führt.
Heute,
da es die Sprechergemeinschaft schon gibt, ist ein Teil dieser Hürde schon
genommen. Aber die kritische Masse ist wahrscheinlich noch nicht erreicht. Deshalb
bleibt es nach wie vor eine der wichtigsten Aufgaben, die Sprechergemeinschaft
zu vergrößern. Sind Zamenhofs Ideen dazu wirklich so unrealistisch oder schon
völlig überholt? Ich vertrete seit vielen Jahren die Auffassung, dass ein umfängliches
Adressbuch ein wichtiges Hilfsmittel wäre, um wenigstens die vorhandene
bescheidene Größe der Sprechergemeinschaft optimal zu nutzen und damit auch
die Attraktivität des Esperanto zu erhöhen. Wünschenswert wäre zumindest ein
telefonbuchdickes Adressbuch mit zusätzlichen nutzungserschließenden Hinweisen.
Die
modernen weltweiten Computernetze könnten Zamenhofs Ideen zur III. Hauptaufgabe
in einer modernen, aktualisierten Version ungeahnte praktische Bedeutung verschaffen.
Der Autor glaubt, dass sich durch diese technischen Hilfsmittel die Chance wesentlich
vergrößert, bald die kritische Masse für die erwähnte sozialpsychologische
Kettenreaktion zugunsten des Esperanto zu erreichen.
Der Verzicht auf die
Maximal-Perfektions-Forderung
Man
beachte, dass bei Zamenhofs marktstrategischer Planung des Eigenschaftsprofils
seines Produktes die Forderung, die Sprache solle „perfekt“ und „ideal“ sein -
was immer man darunter konkret verstehen mag - überhaupt noch nicht
vorgekommen ist. Marktstrategisch genügt es ja, wenn das Produkt attraktiv und
konkurrenzfähig ist, d.h. zumindest in einer bestimmten Marktnische und für
eine bestimmte Zielgruppe Konkurrenzprodukten merklich überlegen ist.
„Merkliche Überlegenheit“ aber ist noch längst nicht „Perfektheit“ (allenfalls
in einem relativen Sinne, und in diesem hat auch Zamenhof den Begriff
gelegentlich benutzt, vgl. Esenco kaj estonteco, OV III N-ro 2, S. 295
[Zamenhof 1929]).
Im
Unua Libro schrieb Zamenhof: „Ich bin weit entfernt zu behaupten, dass die von
mir projektierte Sprache vollkommen sei und dass es nichts besseres geben
könne; ich habe jedoch nach besten Kräften gestrebt, allen den Forderungen gerecht zu werden, die man
an eine internationale Sprache stellen kann, und nachdem es mir gelungen ist,
alle von mir gestellten Aufgaben
[Hervorhebungen vom Verf. dieses Artikels] zu lösen, habe ich mich entschlossen,
mit diesem Werke vor die Öffentlichkeit zu treten.“ Vgl. Unua Libro. S. 31
(Zamenhof 1887).
Dieser
Punkt verdient besonders betont zu werden, weil die Maximal-Perfektions-Forderung
(die schon wegen der wünschenswerten Vielzweck-Brauchbarkeit der Sprache und
der damit unvermeidlichen Zielkonflikte niemals endgültig zur Ruhe kommen kann) ansonsten traditionell das oberste
Postulat so gut wie aller Plansprachprojekte ist. Die Entthronung der Maximal-Perfektions-Forderung und ihre Ersetzung
durch ein bedarfsanalytisch und „marktstrategisch“ entwickeltes
Mindest-Anforderungsprofil für Welt-Zweitsprachen war die eigentliche
Geburtsstunde einer realitätsangepassten, evolutionären
Plansprachentechnologie, die „Entwicklung des Esperantismus von der linguistischen
Utopie zur Sozialwissenschaft“ (man verzeihe mir den kleinen Anklang an
Engels). Für eine derartige Sprache
genügt es, in relevanter Hinsicht besser zu sein als andere; sie braucht
nicht perfekt zu sein. Hielte man an der Maximal-Perfektions-Forderung fest,
dann wäre die Sprache nie fertig, und man müsste die Einführung auf den
Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben; und hätte man sie dann doch eingeführt,
dann wäre ihre Stabilität stets von vermeintlichen oder wirklichen
Verbesserungen bedroht. Es gibt auch einen unnötigen, praxishemmenden
Perfektionismus. Gerade wenn man es mit der philanthropischen Zielsetzung
als „innerer Idee“ des ganzen Vorhabens ernst meint, ist der Verzicht auf
Perfektion zwingend geboten.
Um
es deutlich zu sagen: Der Verzicht auf die Maximal-Perfektions-Forderung
schließt ein, dass man gewisse Mängel der Sprache hinnimmt, wenn die Hauptforderungen
im großen und ganzen erfüllt sind und eine hinreichende praktische
Brauchbarkeit gewährleistet ist. Esperanto hat gewiss Mängel, wie fast alles
auf Erden - je nach Standpunkt und persönlicher Zwecksetzung viele oder
wenige, leichte oder schwere. Die
Qualität eines Instruments - ggf. auch Art und Ausmaß seiner Mängel - lässt
sich ja, wie bereits gesagt, nicht unabhängig von dem ihm zugedachten Zweck
bewerten. (Zum Trost der Perfektionisten: ihr Verbesserungsdrang kann darin
ein Ventil finden, dass das Esperanto verschiedene Mechanismen zu
evolutionärer Veränderung im Sinne konsensfähiger „Verbesserungen“ enthält.)
Zamenhof
hielt die Mängel des Esperanto für nicht sehr gravierend, und ich teile seine
Meinung, weil ich seine Ziele teile - d.h. praktische homfratigo auf Erden,
nicht die Erschaffung der „Idealsprache“ des Linguistenhimmels. Hat man allerdings andere, vielleicht
ehrgeizigere Ziele, dann findet man auch andere Mängel, oder man gewichtet sie
anders.
Eine
wichtige Folge des Perfektionsverzichtes ist, dass die Legitimation der Plansprache,
wenn sie die Mindestbedingungen erfüllt, nicht von wirklichen oder vermeintlichen
Mängeln in Frage gestellt wird. Dadurch wird das Einzigkeitsprinzip zugleich
als Prioritätsprinzip wirksam: Die
erste praktisch voll gebrauchstaugliche Plansprache darf auf diesem
kulturellen Neuland ihre Flagge hissen und es rechtmäßig in Besitz nehmen.
Interessant sind in diesem Zusammenhang Zamenhofs
Ausführungen zum Volapük, das wegen seines Mangels an natürlicher
Entwicklungsfähigkeit nicht voll gebrauchstauglich war: „Kiel sur bastono
plantita en teron, novaj branchoj kaj folioj ne povis nature kreski sur ghi,
sed devis esti konstante skulptataj kaj algluataj. Se ne ekzistus tiu eraro,
kiun korekti oni bedaurinde ne povis, Volapük neniam pereus kaj ni chiuj nun
vershajne parolus volapüke.“ (Hervorhebung vom Verf. dieses Artikels). Er
führt ferner aus: „Ghi pereis ne pro stranga sonado au pro aliaj similaj
kauzoj, char al chio oni povas alkutimighi, kaj kio hierau shajnis sovagha, tio
morgau aperas kiel io tute natura kaj bela; per longa kaj multespeca uzado
ech la plej sovagha idiomo de la plej barbara gento iom post iom farighas
richa, eleganta kaj oportuna lingvo.“ S. OV IV N-ro 14 (Parolado al la
Sepa Kongreso) (Zamenhof 1929).
Die prinzipielle Unerfüllbarkeit der
Maximal-Perfektions-Forderung
Dass
die Maximal-Perfektions-Forderung schon prinzipiell unerfüllbar ist, soll kurz
anhand von zwei Überlegungen verdeutlicht werden:
•
Erstens können manche der Forderungen für
sich schon nicht perfekt erfüllt werden.
Nehmen wir z.B. die Forderung nach leichter Erlernbarkeit.
Im Idealfall wäre der erforderliche Lernaufwand gleich null, d.h. die
Erlernung würde überhaupt keine Mühe und Zeit mehr kosten. Das ist aber offensichtlich
nicht voll erreichbar. Hier kann und muss man sich damit begnügen, dass der
Lernaufwand zwar nicht gleich null, aber vergleichsweise sehr gering ist.
Wenn, wie beispielsweise beim Esperanto, die ganze Formenlehre (die
Fundamenta Gramatiko) in vielleicht einer halben Stunde erlernbar ist,
während dies bei anderen Sprachen Monate oder Jahre dauert, so ist insoweit
ein hinreichender Grad der Leichtigkeit erreicht. Eine Formenlehre, die in
nur 20 Minuten erlernbar wäre, stellte demgegenüber keinen nennenswerten
Fortschritt mehr dar; sie zu konstruieren, wäre der Mühe nicht wert. Als
Bezugsgröße sind nicht andere Plansprachen, sondern nur Nationalsprachen sinnvoll
und realistisch, und daran gemessen sind 10 Minuten weiterer Lernersparnis
völlig bedeutungslos. Realistisch betrachtet, wirken deshalb die beliebten
heißen Diskussionen um geringfügige Vor- oder Nachteile irgendwelcher
Plansprachen eher wie ein Hobby streitlustiger Prinzipienreiter, die das
Wichtigste vergessen: nämlich dass die Sprache praktisch genutzt werden soll.
•
Zweitens ist zu bedenken, dass einzelne Elemente des Eigenschaftsprofils in einem
Spannungsverhältnis, in einem Widerspruch zueinander stehen können, insbesondere
Forderungen der Lernleichtigkeit einerseits und des Gebrauchswertes nach dem Erlernen andererseits.
Die im Widerspruch miteinander stehenden Forderungen lassen
sich daher nicht voll verwirklichen, sondern schränken einander gegenseitig
ein. Bis zu welchem Grade eine Forderung gegenüber einer anderen zurücktreten
muss, bestimmt sich aus dem Verhältnis der Grade der Wichtigkeit der miteinander
konkurrierenden Forderungen. Man könnte dies auch so formulieren, dass gewisse
behebbar erscheinende Mängel aus prinzipiellen Gründen unvermeidlich und geradezu
erwünscht seien. Wollte man
unbedachterweise einen derartigen unvermeidlichen
Mangel beheben, so träte logischerweise ein um so stärkerer vermeidlicher Mangel auf der Seite
der konkurrierenden Forderung auf, wodurch per saldo die Sprache
verschlechtert wäre.
Einige Elemente der Lernleichtigkeit
Wie
der Begriff „leichte Erlernbarkeit“ zu konkretisieren ist, ist primär keine
Frage an die Linguistik, sondern an Lernökonomie und Lernpsychologie.
Zunächst
heißt „leichte Erlernbarkeit“ ganz schlicht, dass der Umfang des Lernstoffs
möglichst gering sein soll. Das lässt sich weiter dahin konkretisieren, dass
die Zahl der zu lernenden Regeln
(inklusive Ausnahmeregeln) möglichst gering sein soll, und dass die Zahl der zu lernenden Wörter möglichst gering
sein soll. Schon hier - bei der möglichst geringen Zahl der Wörter - stoßen
wir auf einen Widerspruch zwischen Forderungen der Lernleichtigkeit und des
Gebrauchswertes; denn es ist klar, dass der Gebrauchswert um so höher ist, je
differenzierter man sich ausdrücken kann, d.h. je größer das Vokabular ist.
Beide Forderungen müssen also zu einem Kompromiss, zu einer praktischen
Konkordanz gebracht werden. Das kann u.a. dadurch geschehen, dass der
Wortschatz zumindest rationalisiert
wird, d.h. Unnötiges und Überflüssiges
möglichst vermieden wird.
Der
Begriff des „Unnötigen“ bedarf natürlich selbst wieder der Konkretisierung. Vor
allem gilt: Der Wortschatz soll möglichst
keine Synonyme enthalten. Diese Forderung ist freilich nur teilweise erfüllbar,
zum einen, weil der Begriff „Synonym“ selbst problematisch ist, zum anderen,
weil sich hier ein Widerspruch zum aposteriori-Prinzip ergibt, s.u.
Nebenbei
bemerkt: das Verbot des Unnötigen führt zu einer Reihe stilistischer Empfehlungen,
darunter der, die Wiederholung gleicher
Wörter im Text nicht zu scheuen. Das stilistische Gebot der Abwechslung im
Ausdruck darf in der rationalisierten Sprache keine große Rolle spielen.
Ein
eleganter Weg zur Auflösung des oben erwähnten Widerspruchs besteht darin, die
Sprache als „Baukastensystem“
unveränderlicher, frei kombinierbarer Elemente auszugestalten. Diese
Kombinatorik vervielfacht schon bei einer gegebenen relativ geringen Zahl von
Elementen die Zahl der möglichen Wörter so, dass den Forderungen des
Gebrauchswertes Genüge getan wird.
Ein
weiteres Element der Lernleichtigkeit (das ebenfalls hilft, den o.a.
Widerspruch zu entschärfen), ist die Nutzung
des Transfers schon gelernter Elemente. Daraus ergibt sich, dass die
Sprache a-posteriori-Charakter haben sollte; sie sollte Wörter, die dem
Lernwilligen bereits bekannt sind, nutzen. Auch das verringert den Lernaufwand.
Es gibt nun auf der Welt sehr verschiedene Sprachen
und Sprachgruppen, an die man aposteriorisch anknüpfen könnte. Welche davon
soll man wählen? Auch das muss aus der Sicht der Benutzer entschieden werden
und geht nicht ohne Kompromisse ab. Einstweilen dürfte immer noch, wie schon
zu Zamenhofs Zeiten, daran zu denken sein, dass im internationalen Verkehr,
als regionale Verkehrssprachen, die europäischen Sprachen dominieren und der
vorhandene internationale Wortschatz stark durch europäische Wörter geprägt
ist. Daraus ergibt sich, dass der Charakter
des Wortschatzes bis auf weiteres indoeuropäisch, genauer gesagt, romanisch-germanisch
sein sollte.
Vgl. LR 51 (Zamenhof 1962), wo Esperanto ausdrücklich als „… sistemo
romana-germana“ charakterisiert wird.
Durch
diese Konkretisierung wiederum sind die Weichen gestellt, auch sonstige Details der Sprache vorerst aus der Schnittmenge der
romanisch-germanischen Sprachen zu entnehmen. Auch die traditionelle Eigenheit
der europäischen Sprachen, neuzuprägende
wissenschaftlich-technische Begriffe aus dem Steinbruch der lateinischen und
griechischen Sprache zu besorgen, findet so aposteriorisch in die
Plansprache Eingang.
Vgl. z.B. PV 11-30 (Zamenhof 1981): „Por chiuj natursciencaj nomoj mi
konsilas preni la nomojn latinajn
en Esperanta transskribo. Se en la UV trovighas nomoj de bestoj kun formo ne latina, la fakto venas de tio, ke en
la unuaj jaroj mi ne havis ankorau la principon pri la neceseco doni al tiuj
nomoj formon latinan; sed nun mi
ordinare gvidas min per tiu principo.- Tio sama estas ankau kun la diversaj finighoj, kiujn mi en la unua tempo shanghadis pro ilia simileco
kun Esperantaj sufiksoj, sed kiujn mi nun
ordinare ne shanghas; sekve mi
konsilas uzi -ilo, -ino, -ulo k.t.p.“
All
dies hat Zamenhof ausweislich seiner Schriften bereits bedacht; die lateinische
Sprache bezeichnete er übrigens als „duoninternacia“. Auf die Dauer wird vielleicht
die Dominanz der indoeuropäischen Sprachen geringer werden, doch das ist ein
Zukunftsproblem.
Mit
diesen Betrachtungen zur Lernleichtigkeit mag es fürs erste sein Bewenden
haben. Je weiter man nämlich konkretisiert, desto weiter kommt man in den
Bereich des freien Ermessens hinein, das sich immer weniger von den obersten
Prinzipien her begrenzen lässt. D.h. man gelangt unvermeidlich und mit einer
die kritische Wachsamkeit einlullenden Unmerklichkeit in den Bereich reiner
Willkür und Beliebigkeit.
Hier
sind die Grenzen rationaler Begründung in der Sprachplanung. Manch erbitterter
Streit unter Sprachplanern beruht darauf, dass sie diese Grenzen nicht bemerken
und noch für logisch zwingende Konsequenzen oberster Prinzipien halten, was
längst nur noch freies Ermessen ist. Abstrakt gesagt: sie übersehen den Unterschied
zwischen Deduktion und Konkretisierung.
Es wäre zu untersuchen, ob nicht auch Valter Tauli in seinem
verdienstlichen Werk zur Sprachplanung (Tauli 1968) dieser Gefahr hie und da
erlegen ist.
Einige Elemente der (sofortigen)
Nutzbarkeit auch im Verkehr mit Nichtkennern (II. Hauptaufgabe)
In
diese sofortige Nutzbarkeit gehen einige Elemente ein, die schon zur Lernleichtigkeit
gehören; das könnte deren Gewicht evtl. erhöhen. Nach Zamenhofs Vorstellung
wird in der ersten Phase, in der nur wenige die Sprache kennen, die sofortige
praktische Nutzbarkeit folgendermaßen erreicht:
•
Die Sprache muss gänzlich aus einem kleinen Wörterbuch, einem „Schlüssel“, erschließbar
sein, so dass man sich einen durchschnittlich gebildeten Nichtkenner der
Sprache sofort verständlich machen kann, indem man ihm dieses Wörterbuch zur
Verfügung stellt. Deshalb muss alles, auch
die grammatikalischen Formen, in unveränderliche lexikalische Elemente, in
„Wörter“, aufgegliedert werden. (Diese Elemente müssen für den Nichtkenner der
Sprache auch bei Zusammenschreibung erkennbar bleiben, andernfalls bliebe ihm
auch mit dem „Schlüssel“-Wörterbuch vieles verschlossen. Diese Forderung konkretisiert
Zamenhof durch die hochgestellten Striche.) Hier taucht also erneut, und mit
einer etwas anderen Begründung, das „Baukastenprinzip“
auf.
•
Ferner muss der Wortschatz möglichst aus solchen Wörtern bestehen, die allen
durchschnittlich Gebildeten bekannt sind. Auch diesem Prinzip, dem Aposteriori-Prinzip, sind wir bereits
begegnet.
Literatur
FRANK,
H. (1979). Auf welche Fragen hat eine europäische Sprachpolitik Antwort zu
geben? In: Europäische Akademie Otzenhausen e.V. (Hrsg.): Muss Europa an der
Sprachenvielfalt scheitern? Referate des Kolloquiums zur europäischen
Sprachpolitik vom 14.-16.9.1979, Otzenhausen 1979, 9-22
FRANK,
H. (1985). Zur kybernetischen Rechtfertigung einer axiomatischen Interlinguistik.
GrKG/Humankybernetik
26, Nr. 2/1985, S. 75
SHULCO (SCHULZ), R. (1985):
Pledo por unueca lingvo. Paderborn: Esperanto-Centro
TAULI, V. (1968). Introduction to a Theory of
Language Planning. Uppsala: Acta
Universitatis Upsaliensis.
WEINBERGER,
C. & WEINBERGER, O. (1979). Logik, Semantik, Hermeneutik. München: Beck.
WELGER,
H. (1981). Pri la dezirendaj (!) neperfektajhoj de planlingvo. Naturista Vivo n-ro
6/7, 27 - 30
WELGER, H. (1994). Kontribuoj al la norma esperantologio.
Marburg: Info-Servo.
ZAMENHOF,
L. (1887). Internationale Sprache. Vorrede und vollständiges Lehrbuch [por
German'oj]. Warschau: Gebethner & Wolff.
ZAMENHOF,
L. (1929). Originala Verkaro. Leipzig: Hirt & Sohn, 1929
ZAMENHOF,
L. (1962). Lingvaj Respondoj. Konsiloj kaj opinioj pri Esperanto. 6-a eldono. Marmande:
Esperantaj Francaj Eldonoj.
ZAMENHOF, L. (1963). Fundamento de Esperanto. 9-a
eldono. Marmande: Esperantaj Francaj Eldonoj.
ZAMENHOF, L. (1981). Mortinta, sed senmorta! Iam
kompletigota plena verkaro de L.L. Zamenhof, kajero 9. Tokio: Eldonejo
Ludovikito.
© Helmut Welger, Marburg 1999
Anhang I
Zamenhof:
„Esenco kaj Estonteco de la Ideo de Lingvo Internacia“
(Auszug, s. OV III N-ro 2, S. 305f. [Zamenhof 1929])
Dum
Esperanto bonege kontentigas
chiujn postulojn, kiuj povas esti
farataj al lingvo internacia
(eksterordinara facileco, precizeco, richeco, natureco, vivipoveco, fleksebleco, sonoreco k.t.p.), chiu el tiuj projektoj penas plibonigi unu ian flankon de la lingvo, oferante por tio chi
kontrauvole chiujn aliajn flankojn. Tiel ekzemple multaj
el la plej novaj projektistoj uzas la sekvantan ruzajhon: sciante, ke la publiko taksas chiun projekton konforme al tio, kiel al ghi
rilatos la instruitaj lingvistoj, ili zorgas ne pri
tio, ke ilia
projekto estu efektive tauga por io en la praktiko,
sed nur pri tio, ke ghi
en la unua minuto faru bonan impreson
sur la lingvistojn; por tio ili
prenas siajn vortojn preskau tute sen ia shangho
el la plej gravaj jam ekzistantaj
lingvoj naturaj. Ricevinte frazon skribitan en tia projektita lingvo, la lingvistoj
rimarkas, ke ili per la unua fojo komprenis tiun chi frazon
multe pli facile ol en Esperanto - kaj la projektistoj jam triumfas kaj anoncas, ke ilia „lingvo“ (se ili iam finos
ghin) estos pli bona ol Esperanto. Sed chiu prudenta homo tuj konvinkighas, ke tio chi
estas nur iluzio, ke al la malgrava principo, elmetita pro montro kaj allogo, tie chi
estas oferitaj la principoj plej gravaj (kiel ekzemple la facileco de la
lingvo por la nekleruloj, fleksebleco, richeco, precizeco k.t.p.), kaj ke, se simila lingvo ech povus esti
iam finita, ghi en la fino nenion donus! Char
se la plej grava merito de la lingvo internacia konsistus en tio, ke ghi kiel
eble plej facile estu tuj
komprenata de la instruitaj
lingvistoj,
ni ja por tio chi povus
simple preni ian lingvon, ekzemple la latinan, tute sen iaj shanghoj,
- kaj la instruitaj lingvistoj
ghin ankorau pli facile komprenos
per la unua fojo! La principo de kiel eble plej malgranda
shanghado de la naturaj vortoj ne sole estis bone konata
al la autoro de la lingvo Esperanto, sed ghuste de li la novaj projektistoj
ja prenis tiun chi principon: sed dum Esperanto prudente kontentigas tiun chi principon
lau mezuro de
ebleco, penante plej zorge, ke
ghi ne kontrauagadu al aliaj pli gravaj principoj de lingvo internacia, la projektistoj turnas la tutan atenton nur sur tiun chi
principon, kaj chion alian, nekompareble pli gravan, ili
fordonas kiel oferon, char kunigi
kaj konsentigi inter si diversajn principojn ili ne povas kaj ech ne havas deziron,
char ili mem ne esperas doni ion pretan
kaj taugan, sed ili volas nur fari
efekton.
Anhang II - Zusammenfassung:
Das nach dem Grad der Wichtigkeit
geordnete Soll-Profil des Esperanto
Das im obigen Text Ausgeführte wird in der folgenden Tabelle
zusammengefasst. Es wird nochmals betont, dass diese Gewichtungen nicht ein Ergebnis linguistischer
Forschung sind, sondern die Folge einer Zamenhofschen und von den Esperantisten
gutgeheißenen Entscheidung, nämlich einer sprachpolitischen und philanthropischen
Zwecksetzung, nebst einigen zumeist
schon von Zamenhof selbst vorgenommenen Konkretisierungen. Der Zweck des
Esperanto ist unter dem Namen „interna ideo“ bekannt und hat in entscheidenden
Teilen durch §2 der Bulonja Deklaracio normative Geltung für alle Esperantisten
erlangt.- Das Soll-Profil ist von aktueller Bedeutung, weil es die
Weiterentwicklung von Wortschatz und Stil bestimmen sollte. Bei Zielkonflikten
bestimmt die Gewichtung, welche Eigenschaft - auch im Kompromiss - stärkere
Berücksichtigung verdient.
|
A. Einzigkeitsprinzip |
1. Aktuelle Einheitlichkeit (fordert strikte Regeltreue
von den Benutzern) 2. Stabilität (fordert strikten Sprach-Konservatismus),
keine Änderungen, nur Ergänzungen |
|
B. Kommunikationstauglichkeit in
der Wissenschaft, im Handel und im allgemeinen Verkehr |
3. Klarheit (schließt ein, dass es möglichst wenige
Homonyme geben sollte) 4. Genauigkeit 5. Reichtum des Wortschatzes 6. Geschmeidigkeit (Flexibilität) |
|
C. Akzeptanzförderung: |
|
|
I. Hauptaufgabe: Leichte Erlernbarkeit (allgemein:
Kostenminimierung) |
7. Sparsamkeit des Regelwerkes (inkl. wenige Ausnahmeregeln,
orthographische Einfachheit, einfacher „Stil“) 8. Sparsamkeit im Wortschatz
(Baukastensy-stem/Kombinatorik, möglichst wenige Synonyme) 9. Aposteriorität, „Internationalität“ (v.a. im Wortschatz): • überwiegend romanisch-germanischer Wortschatz, solange
und soweit der internationale Wortschatz durch diese Sprachen geprägt ist • Latein und Griechisch als „Steinbruch“ für Fachwörter
(neuerdings vielleicht auch Englisch) |
|
II. Hauptaufgabe: Sofortige Benutzbarkeit auch im Verkehr
mit durchschnittlich gebildeten Nicht-Kennern (allgemein: Nutzenmaximierung) |
10. Leichte
Erschließbarkeit allein durch ein kleines Wörterbuch, einen „Schlüssel“,
dazu: • „Baukastensystem“,
in das auch die grammatischen Elemente als Wörter eingeordnet sind • Aposteriorität,
„Internationalität“ (Schon auf Rangplatz
8 und 9 berücksichtigt) |
|
III. Hauptaufgabe: Überwindung der Gleichgültigkeit der
Welt |
(Dies sagt nichts
über die Spracheigenschaften aus, wohl aber über die Notwendigkeit einer
esperantistischen Sprachpolitik) |
|
D. Nebenaufgaben |
11. Kürze, Klangschönheit, emotionale Lebendigkeit, guter
Eindruck auf außenstehende Beurteiler (Gefälligkeit der Fassade), etc. |
© Helmut Welger, Marburg 1997