Zamenhof: Deklaration zum
Homaranismo (1913)
- Auszug aus dem Originaltext von Zamenhof -
Ich
bin ein Homarano (kosmopolitischer Humanist): das bedeutet, daß ich mich im
Leben von den folgenden Prinzipien leiten lasse:
I.
Ich bin ein Mensch, und die ganze Menschheit betrachte ich als eine Familie;
die Teilung der Menschheit in verschiedene einander feindliche Völker und
ethnisch-religiöse Gemeinschaften betrachte ich als eines der größten Übel, das
früher oder später verschwinden muss und dessen Verschwinden ich nach Kräften
fördern muss.
II.
Ich sehe in jedem Menschen nur den Menschen, und ich bewerte jeden Menschen
nur gemäß seinem persönlichen Wert und seinen Handlungen. Jede Kränkung oder
Bedrückung eines Menschen deswegen, dass er einem anderen Volk, einer anderen
Sprache, einer anderen Religion oder sozialen Klasse als ich angehört,
betrachte ich als Barbarei.
III.
Ich bin mir bewusst, dass jedes Land nicht diesem oder jenem Volk gehört,
sondern in völliger Gleichberechtigung allen seinen Bewohnern, ganz gleich,
welcher mutmaßlichen Abstammung sie sind, welche Sprache, Religion oder soziale
Rolle sie haben; die Identifikation der Interessen eines Landes mit den
Interessen dieses oder jenes Volkes oder dieser oder jener Religion sowie den
Vorwand irgendwelcher historischer Rechte, die einem Volk im Lande erlauben,
über die anderen zu herrschen und ihnen das elementarste und natürlichste Recht
auf das Vaterland zu verweigern, betrachte ich als Überbleibsel aus den barbarischen
Zeiten, als es nur das Faustrecht gab.
V.
Ich bin mir bewusst, dass in seinem Privatleben jeder Mensch das volle und
unbestreitbare Recht hat, diejenige Sprache oder denjenigen Dialekt zu
sprechen, die bzw. der ihm am angenehmsten ist, und diejenige Religion zu
bekennen, die ihn am meisten befriedigt; aber im Verkehr mit Menschen anderer
Sprache oder Religion muß er sich bemühen, eine neutrale Sprache zu sprechen
und nach einer neutralen Ethik bzw. neutralen Sitten zu leben. Ich bin mir
bewusst, dass für Angehörige des gleichen Staates und der gleichen Stadt jene
Staats- oder Kultursprache die Rolle der neutralen Sprache spielen kann, welche
die Mehrheit der Einwohner spricht.
X.
Im Bewusstsein, dass Religion nur eine Sache ernstlichen Glaubens sein, aber
nicht die Rolle eines erblichen Werkzeuges der Entzweiung der Völker spielen
darf, bezeichne ich nur diejenige Religion oder Weltanschauung als die
meinige, an die ich wirklich glaube. Aber welcherart auch immer meine Religion
sein mag, ich bekenne sie nach den neutral-menschlichen, kosmopolitisch-humanistischen
Prinzipien, die in dem folgenden bestehen:
a)
Die höchste für mich nicht begreifliche Kraft, die die Ursache aller Ursachen
in der materiellen und moralischen Welt ist, kann ich mit dem Namen „Gott“
oder mit einem anderen Namen benennen, aber ich bin mir bewusst, dass jeder das
Recht hat, sich das Wesen dieser Kraft so vorzustellen, wie seine Vernunft,
sein Herz oder die Lehren seiner Kirche es ihm befehlen. Niemals darf ich
jemanden hassen oder verfolgen, weil sein Glaube an Gott anders ist als der
meinige.
b) Ich bin mir bewusst, dass das Wesen der
wahren religiösen Gebote in der Form des Gewissens im Herzen eines jeden
Menschen wohnt, und dass das erste und für alle Menschen verpflichtende Prinzip
dieser Gebote das folgende ist: handle gegenüber anderen so, wie du wünschst,
dass andere dir gegenüber handeln. Alles andere in der Religion betrachte ich
als Zusätze, die jeder Mensch gemäß seinem Glauben betrachten darf: entweder
als für ihn verpflichtende Worte Gottes, oder als Kommentare, welche - mit
Legenden vermischt - uns von den großen, verschiedenen Völkern entstammenden
Lehrern der Menschheit gegeben wurden, und als Sitten, die von Menschen
aufgestellt wurden und deren Erfüllung oder Nichterfüllung von unsrem Willen
abhängt.
c)
Wenn ich an keine der bestehenden Offenbarungsreligionen glaube, darf ich nicht
in einer von ihnen bloß aus ethnischen Motiven verbleiben und durch dieses
Verbleiben die Menschen über meine Überzeugungen irreführen und für endlose
Generationenfolgen die interethnische Getrenntheit verewigen.
Stattdessen
muss ich mich - wenn die Gesetze meines Landes es erlauben - offen und
offiziell „freigläubig“ nennen; freilich ohne die Freigläubigkeit speziell mit
dem Atheismus gleichzusetzen, sondern unter Wahrung völliger Freiheit für
meinen Glauben.
Sobald
in meinem Wohnort eine in gemeinschaftlicher Vereinbarung gebildete, in aller
Form organisierte ethnisch und dogmatisch ungebundene Gemeinschaft von
Freigläubigen besteht, der ich mich zur vollen Zufriedenheit meines Gewissens
und der Bedürfnisse meines Herzens anschließen kann, muss ich mich dieser
freigläubigen Gemeinschaft ganz offiziell und erblich anschließen, um meine
religiöse Neutralität dauerhaft und sorgfältig zu festigen und meine Nachkommen
vor Programmlosigkeit und dem daraus folgenden Rückfall in ethnisch-religiösen
Chauvinismus zu bewahren. Ich muss den
neutralen Namen, die Gemeindeveranstaltungen, die unverbindlichen
neutral-menschlichen Feste, den neutral-menschlichen Kalender etc. dieser
Gemeinschaft für mich annehmen.
Bis
zu diesem Zeitpunkt kann ich offiziell Mitglied jener Religion bleiben, in die
ich hineingeboren wurde, aber ich muss ihrem Namen immer das Wort
„freigläubig“ beifügen, um zu zeigen, dass ich mich ihr nur vorläufig,
gewohnheitsmäßig und verwaltungstechnisch zurechne.
Zamenhof: Grundprinzipien der
neutral-menschlichen Religion (1914)
1.
Mit dem Namen „Gott“ benenne ich jene höchste, für mich nicht begreifliche
Kraft, die die materielle und moralische Welt regiert; aber ich habe das
Recht, mir das Wesen dieser Kraft so vorzustellen, wie mein Verstand und mein
Herz es mir befehlen. Niemals darf ich jemanden hassen, kränken, bedrücken
oder mich über ihn lustig machen, weil sein Glaube an Gott anders ist als
meiner.
2.
Ich bin mir bewusst, dass die wahren Gebote Gottes im Herzen eines jeden
Menschen liegen in Form des Gewissens, und dass das für alle Menschen
verpflichtende Hauptprinzip dieser Gebote das folgende ist: Handle gegenüber
anderen so, wie du willst, dass sie dir gegenüber handeln; alles andere in der
Religion betrachte ich nur als mit phantasievollen Legenden vermischte
Kommentare, welche uns von unterschiedlichen Völkern angehörenden großen Lehrern der Menschheit gegeben wurden, oder
als Sitten, die von Menschen eingeführt wurden, um in das Leben ein bestimmtes
Programm hineinzutragen, und deren Erfüllung oder Nichterfüllung von meinem
Wunsch abhängt.
3. Weil die Stimme des Gewissens nur dann gut hörbar
ist, wenn man sie übt, bin ich mir bewusst, dass es wünschenswert ist, dass in
meinem Wohnort ein neutralistischer Tempel bestehe, wo alle, die es wünschen,
ohne jegliche Verpflichtung periodisch zusammenkommen können, um dort ihr
Gewissen zu üben, um dessen verschiedene Zweifel zu klären, um Herz und
Gewissen ihrer Kinder zu erziehen, um den wichtigsten Augenblicken ihres Lebens
ein feierliches Gepräge zu geben, und um Trost für ihr Herz zu suchen, wenn
irgendetwas es quält.
4.
Im Bewusstsein, dass nichts so stark und endlos sich forterbend die Menschen
entzweit wie die Unterschiedlichkeit der ethnisch-religiösen Sitten,
und
dass nicht ein programmloses Wegwerfen dieser Sitten Menschen vereinigen kann,
die diese Vereinigung wünschen,
sondern
nur die Ersetzung der ethnischen oder auf umstrittenen Lehrsätzen beruhenden
Sitten durch offiziell angenommene und vererbbare neutrale Sitten,
muss
ich der neutralistischen Religion ganz offiziell und in aller Form angehören,
und
für mich ihre neutral-menschlichen ethischen Regeln, ihre nichtverbindlichen
Sitten und Feste, ihren Kalender und ihre Ordnungen und Veranstaltungen des
Gemeindelebens annehmen,
welche
die Neutralisten aller Völker und Länder durch gemeinsame Vereinbarung für sich
aufgestellt haben;
wenn
die Gesetze meines Landes es mir nicht erlauben, mich der neutralistischen
Religion offiziell anzuschließen, dann kann ich weiterhin jener Religion
angehören, in die ich hineingeboren wurde, aber ich muss ihrem Namen das Wort
„neutralistisch“ hinzufügen, um zu zeigen, welcher Art meine persönlichen
Überzeugungen sind.
5.
Ich bin mir bewusst, dass die Religion niemals mit ethnischen
Besonderheiten oder mit
egoistisch-ethnischen Idealen verbunden sein darf, und dass ein gottgeweihter
Tempel soweit als möglich nichts enthalten darf, was ihm irgendeinen speziell
ethnischen Charakter geben könnte.
Zamenhof: „Dogma 11“ der Deklaracio
de Homarano (1906)
Wenn
in meiner Stadt ein homaranistischer Tempel gegründet wurde, muss ich ihn so
oft wie möglich besuchen, um dort brüderlich mit Homaranoj anderer Religionen
zusammenzutreffen, mit ihnen neutral menschliche Sitten und Feste
auszuarbeiten und auf diese Weise bei der allmählichen Ausbildung einer
philosophisch reinen, aber gleichzeitig schönen, poetischen und warmen
lebensregulierenden allgemein-menschlichen Religion mitzuwirken, welche Eltern
ohne Heuchelei an ihre Kinder weitergeben können.
Im
homaranistischen Tempel werde ich die Werke der großen Lehrer der Menschheit
über das Leben und den Tod und über die Beziehung unseres „Ichs“ zum Universum
und zur Ewigkeit hören, philosophisch-ethische Unterredungen, erhebende und
veredelnde Hymnen usw.
Dieser
Tempel muss
•
die jungen Menschen zu Kämpfern für das Wahre, Gute, für Gerechtigkeit und allmenschliche
Brüderlichkeit erziehen, in ihnen Liebe zu ehrlicher Arbeit und Abscheu gegen
leeres Gerede (frazisteco) und unedle Laster ausbilden;
dieser
Tempel muss
•
den Alten geistige Erholung geben,
•
den Leidenden Trost,
•
die Möglichkeit, sein Gewissen zu erleichtern denen, bei welchen es durch
irgendetwas beschwert ist,
•
usw.
Solange
in meiner Stadt kein homaranistischer Tempel besteht, muss ich so oft wie
möglich zu gemeinschaftlichen Unterredungen mit anderen Homaranoj meiner Stadt
zusammentreffen, und wenn es solche nicht gibt, muss ich brieflich mit
Homaranoj anderer Städte kommunizieren.
Originalanmerkung von
Zamenhof: Bezüglich des
Dogmas 11, das neben dem vereinsmäßigen auch einen theosophischen Charakter
hat, muß man sich erinnern, daß es nur von solchen Lehren spricht, die nicht
der Wissenschaft widersprechen, und daß es sich nur auf den Tempel
der Homaranoj bezieht, aber keinesfalls auf die privaten Gruppen
(rondetoj) der Homaranoj. Diese Gruppen haben keinen religiösen Charakter,
sondern einen rein geselligen und dienen freien freundschaftlichen
Unterredungen über alle möglichen Themen, entsprechend den Wünschen
der Teilnehmer, und von anderen Gruppen unterscheiden sie sich nur dadurch,
dass an ihnen Menschen teilnehmen, die neutral-menschliche religiöse und
nationale Prinzipien haben, und dass die Gespräche in ihnen vorzugsweise in der
neutral-menschlichen Sprache geführt werden.