Kurze einleitende Anmerkung zum religiösen Homaranismo
von H. Welger
Eines der traditionell wichtigsten Anliegen des Homaranismo ist die interreligiöse Verständigung durch einen universal akzeptablen „Glauben des Herzens“.
Zamenhof war der Meinung, dass nichts die Menschen so stark trenne wie die Religionsverschiedenheit und die damit verbundenen Unterschiede äußerer Bräuche. Auch dachte er sich die Religion eng mit der nationalen Identität verbunden. Religionslosigkeit hingegen, so meinte er, führe die zuvor durch Religionsunterschiede getrennten Menschen auch nicht zusammen; sie sei bloß eine negative Gleichheit, nicht eine positive, und lasse sie unverbunden nebeneinanderherexistieren. Außerdem beraube die Religionslosigkeit das Leben der Menschen einer gewissen Wärme und Poesie, mache es trocken und prosaisch. Es ist unverkennbar, dass in diese Meinung auch seine persönliche Lebenserfahrung als Jude im Russischen Reich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingeflossen ist.
In einer der Schöpfung des Esperanto durchaus ähnlichen Weise konzipierte er nun eine „neutrale Religion“, die, auf einem allgemeinmenschlichen ethisch-religiösen Minimalkonsens beruhend, die Menschen zusammenführen sollte. Zamenhof kam nicht mehr dazu, dieses Projekt zu realisieren. Ein für den August 1915 geplanter Kongress fand nicht statt. Nach dem Ersten Weltkrieg und nach Zamenhofs Tod wagte niemand, es wieder ernsthaft in Angriff zu nehmen.
Die neutrale Religion sollte nicht für alle Anhänger des Homaranismo verbindlich sein, sondern war vor allem als Angebot an diejenigen gedacht, die sich aus ihren traditionellen religiösen Bindungen gelöst hatten; aber die Anerkennung dieses Minimalkonsenses hätte keineswegs ausgeschlossen, auch noch einer anderen Religion anzugehören. Sie hätte also in ähnlichem Sinne "Zweitreligion" sein können, in dem Esperanto "Zweitsprache" ist. Aber die neutrale Religion hätte sehr wohl eigene Bräuche, Feste, ein eigenes Zeremoniell entwickeln sollen, nicht zuletzt mit dem Ziel, ein kosmopolitisch-humanistisches Ethos zu pflegen und zu tradieren. Darin lag für Zamenhof ihre wichtigste Bedeutung.
Inhalt des religiösen Minimalkonsenses war ein bewusst unbestimmter, andeutungsweise eher theistischer, jedoch auch für andere Deutungen offengehaltener Begriff einer höchsten Kraft, sowie der Glaube, dass die ethischen Grundgebote, namentlich die Goldene Regel, dem Menschen ins Herz eingeschrieben seien. Offenbar hielt Zamenhof dieses Minimum für fast universal.
Bei allen naheliegenden Einwänden ist der Gedanke doch bestechend und wert, ernsthaft erwogen zu werden. Teilrealisierungen gibt es schon; man denke an die Freimaurerei, an die Unitarier u.a. Die Bedingungen für eine Realisierung sind heute vielleicht günstiger als zu Zamenhofs Zeiten:
· Die Diagnose, Religionslosigkeit raube dem Leben Wärme und Poesie, erweist sich mehr und mehr als zutreffend. Der dadurch ausgelöste „spirituelle Hunger“ treibt die Menschen heute in Scharen der Esoterik und neuen Religionen zu.
· Das Fiasko des Marxismus, der großen säkularen und atheistischen Intellektuellenreligion des 20. Jahrhunderts, dürfte eine Hinwendung der Intellektuellen zu religiösen und ethischen Fragen begünstigen. Das mag zu einer Qualitätsverbesserung des religiös-ethischen Denkens führen, die wiederum seine intellektuelle Attraktivität erhöht.
Ein gerade von religiöser Seite zu erwartender Einwand ist, dass eine ernstzunehmende Religion nicht durch menschlichen Entschluss - gleichsam als „Planreligion“ - geschaffen werden könne. Dem sind drei Argumente entgegenzuhalten:
1. Wenn dem von Zamenhof vorgeschlagenen Minimalkonsens wirkliche Universalien des (ethisch-)religiösen Denkens zugrunde liegen, dann wird insoweit nichts Neues geschaffen, sondern es wird nur ein bereits gegebenes Faktum festgestellt. Sollte Zamenhof sich geirrt haben, so entspräche es seinen eigenen Intentionen, weiter zu suchen, bis die wirklichen Universalien gefunden sind. Diese bilden alsdann den Inhalt des Minimalkonsenses.
2. Neben dem religiösen Minimalkonsens beabsichtigte Zamenhof keinerlei verbindliche religiöse Aussagen. Vielmehr sollte lediglich ein äußerer Rahmen von Sitten, Festen, Zeremonien geschaffen werden, wie er auch in anderen Religionen den religiösen Kerngehalt als menschliches Beiwerk umrankt. Gerade dieses eingestandenermaßen menschliche Beiwerk war ihm wegen seiner Wirkung als sozialpsychologisches Bindemittel wichtig.
3. Im übrigen hat der Gedanke, dass eine Gruppe von Menschen religiös bedeutsame Aussagen und Festlegungen machen kann, durchaus Parallelen in der religiösen Tradition: man denke etwa an das christliche Konzil, das, nachdem es sich im Gebet unter die Leitung des Hl. Geistes gestellt hat, religiös bedeutsame Entscheidungen trifft.