Zamenhofs
Grundprinzipien der neutral-menschlichen Religion
(1914)
1. Mit dem Namen „Gott“ benenne ich jene höchste, für mich nicht begreifliche Kraft, die die materielle und moralische Welt regiert; aber ich habe das Recht, mir das Wesen dieser Kraft so vorzustellen, wie mein Verstand und mein Herz es mir befehlen. Niemals darf ich jemanden hassen, kränken, bedrücken oder mich über ihn lustig machen, weil sein Glaube an Gott anders ist als meiner.
2. Ich bin mir bewusst, dass die wahren Gebote Gottes im Herzen eines jeden Menschen liegen in Form des Gewissens, und dass das für alle Menschen verpflichtende Hauptprinzip dieser Gebote das folgende ist: Handle gegenüber anderen so, wie du willst, dass sie dir gegenüber handeln; alles andere in der Religion betrachte ich nur als mit phantasievollen Legenden vermischte Kommentare, welche uns von unterschiedlichen Völkern angehörenden goren Lehrern der Menschheit gegeben wurden, oder als Sitten, die von Menschen eingeführt wurden, um in das Leben ein bestimmtes Programm hineinzutragen, und deren Erfüllung oder Nichterfüllung von meinem Wunsch abhingt.
3. Weil die Stimme des Gewissens nur dann gut hörbar ist, wenn man sie übt, bin ich mir bewusst, dass es wünschenswert ist, dass in meinem Wohnort ein neutralistischer Tempel bestehe, wo alle, die es wünschen, ohne jegliche Verpflichtung periodisch zusammenkommen können, um dort ihr Gewissen zu üben, um dessen verschiedene Zweifel zu klären, um Herz und Gewissen ihrer Kinder zu erziehen, um den wichtigsten Augenblicken ihres Lebens ein feierliches Gepräge zu geben, und um Trost für ihr Herz zu suchen, wenn irgend etwas es quält.
4. Im Bewusstsein, dass nichts so stark und endlos sich forterbend die Menschen entzweit wie die Unterschiedlichkeit der ethnisch-religiösen Sitten,
und dass nicht ein programmloses Wegwerfen dieser Sitten Menschen vereinigen kann, die diese Vereinigung wünschen,
sondern nur die Ersetzung der ethnischen oder auf umstrittenen Lehrsätzen beruhenden Sitten durch offiziell angenommene und vererbbare neutrale Sitten,
muss ich der neutralistischen Religion ganz offiziell und in aller Form angehören,
und für mich ihre neutral-menschlichen ethischen Regeln, ihre nichtverbindlichen Sitten und Feste, ihren Kalender und ihre Ordnungen und Veranstaltungen des Gemeindelebens annehmen,
welche die Neutralisten aller Völker und Länder durch gemeinsame Vereinbarung für sich aufgestellt haben;
wenn die Gesetze meines Landes es mir nicht erlauben, mich der neutralistischen Religion offiziell anzuschließen, dann kann ich weiterhin jener Religion angehören, in die ich hineingeboren wurde, aber ich muss ihrem Namen das Wort „neutralistisch“ hinzufügen, um zu zeigen, welcher Art meine persönlichen Überzeugungen sind.
5. Ich bin mir bewusst, dass die Religion niemals mit ethnischen Besonderheiten oder mit egoistisch-ethnischen Idealen verbunden sein darf, und dass ein gottgeweihter Tempel soweit als möglich nichts enthalten darf, was ihm irgendeinen speziell ethnischen Charakter geben könnte.