Gotthold
Ephraim Lessing (1729-1781)
Die Ringparabel
Vor grauen
Jahren lebt' ein Mann in Osten,
Der einen
Ring von unschätzbarem Wert
Aus lieber
Hand besaß. Der Stein war ein
Opal, der
hundert schöne Farben spielte,
Und hatte die
geheime Kraft, vor Gott
Und Menschen
angenehm zu machen, wer
In dieser
Zuversicht ihn trug. Was Wunder,
Dass ihn der
Mann in Osten darum nie
Vom Finger
ließ; und die Verfügung traf,
Auf ewig ihn
bei seinem Hause zu erhalten?
Nämlich so.
Er ließ den Ring
Von seinen
Söhnen dem geliebtesten;
Und setzte
fest, dass dieser wiederum
Den Ring von
seinen Söhnen dem vermache,
Der ihm der
liebste sei; und stets der liebste,
Ohn' Ansehn
der Geburt, in Kraft allein
Des Rings,
das Haupt, der Fürst des Hauses werde.
So kam nun
dieser Ring, von Sohn zu Sohn,
Auf einen
Vater endlich von drei Söhnen;
Die alle drei
ihm gleich gehorsam waren,
Die alle drei
er folglich gleich zu lieben
Sich nicht
entbrechen konnte.- Was zu tun?
Er sendet in
geheim zu einem Künstler,
Bei dem er,
nach dem Muster seines Ringes,
Zwei andere
bestellt, und weder Kosten
Noch Mühe
sparen heißt, sie jenem gleich,
Vollkommen
gleich zu machen. Das gelingt.
Dem Künstler.
Da er ihm die Ringe bringt,
kann selbst
der Vater seinen Musterring
Nicht
unterscheiden. Froh und freudig ruft
Er seine
Söhne, jeden insbesondere;
Gibt jedem
insbesondere seinen Segen, -
Und seinen
Ring, - und stirbt.
Kaum war der
Vater tot, so kömmt ein jeder
Mit seinem
Ring, und jeder will der Fürst
Des Hauses
sein. Man untersucht, man zankt,
Man klagt.
Umsonst; der rechte Ring war nicht
Erweislich; -
Wie gesagt: die Söhne
Verklagten
sich; und jeder schwur dem Richter,
Unmittelbar
aus seines Vaters Hand
Den Ring zu
haben. - Wie auch wahr! -
Der Richter
sprach: Ich höre ja, der rechte Ring
Besitzt die
Wunderkraft beliebt zu machen;
Vor Gott und
Menschen angenehm. Das muss
Entscheiden!
Denn die falschen Ringe werden
Doch das
nicht können
Und also,
fuhr der Richter fort: Wohlan!
Es eifre
jeder seiner unbestochnen
Von
Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von
euch jeder um die Wette,
Die Kraft des
Steins in seinem Ring an Tag
Zu legen!
komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit
herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster
Ergebenheit in Gott
Zu
Hilf!